Montag, 21. August 2017

Lourdes (Jessica Hausner, Ö/Fr/Ger 2009)


  Die österreichische Regisseurin Jessica Hausner gehört sicher zu den wichtigsten deutschsprachigen Regiestimmen des Gegenwartskinos. Ihre strengen Bildkompositionen, in die ganz offensichtlich ein großer Teil der Arbeit fließt, sind visuell reduzierte Arrangements, die dafür aber umso wuchtiger in ihrer Wirkung, in ihrer Bildspannung sind. Die Berliner Schule assoziiert man da zunächst einmal, wenn man nach aktuell visuell ähnlichen Strömungen sucht. In ihrem großartigen letzten Film Amour Fou (2014) ist das eklatant, aber auch hier in diesem etwas weniger spröden Erweckungsfilm zwischen stiller Verzweiflung und Nippes-Marienkitsch, in dem alle auf die Gnade warten, die einen vielleicht aus dem Himmel heraus trifft und so aus der Misere reißt, sieht man den Drang zur Form in jeder Einstellung. Auch in der Bekleidung des Schauspielerpersonals ist das offensichtlich: blau, weiß und rot sind bestimmend, die französischen Nationalfarben. Lourdes, das ist ein französisches Nationalheiligtum am Rande der Pyrenäen, und eine Geldmaschine ist es auch.

 Der Wille zur Form wird schon in der allerersten Einstellung überdeutlich, in der sich am frühen Morgen ein Speisesaal mit Pilgerreisenden füllt. Nach und nach kommen sie herein, wie in einem arrangierten Ballett der Verwundeten und Versehrten. Mitsamt ihren Betreuern und Schwestern, die den oftmals schwer behinderten Menschen diese Reise erst ermöglichen. Was man sich erhofft, ist klar: dort, wo es vor hunderten Jahren zu einer Marienerscheinung kam, sollen sich immer wieder spektakuläre Heilungen ereignet haben. Und zwar so häufig, dass diese offiziell registriert werden. Aber zurück zur Szene selbst: nach und nach also, wie an Schüren gezogen und nach einem unbekannten, flexiblen Mechanismus füllt sich der Saal, erheben sich murmelnde Stimmen, rotieren die rotgewandeten Schwestern mit weißen Hauben organisierend durch die Menge. Das sieht wunderbar aus, magisch beinah, erdrückend trist zugleich und rührend. Einer flaniert durch die Gänge, einer rollert mit dem Rollstuhl dahin, ein weiterer humpelt zu seinen Platz. Das könnte sogar grotesk lustig sein, wäre da nicht diese Kälte und Nüchternheit, welche die Bilder durchzieht, dieses Frösteln beim Anblick derer, denen es nicht so gut geht wie einem selbst. Die ihre Hoffnung auf etwas richten, was ihnen ihr starker Glaube als irrealen - aber immerhin möglichen - Ausgang aus dem Reich des Kummers in Aussicht stellt.

 Es gibt aber auch angedeutete Liebesgeschichten hier in diesem atmosphärisch dichten Film, Liebesgeschichten, die sich zwischen Mann und Frau abspielen, zwischen den Pflegern und Schwestern, oder zwischen Betreuern und Betreuten. Der Mensch ist immer an der Romantik interessiert, und das hört auch hier freilich nicht auf - warum auch, an diesem Ort, an dem so viel passieren kann, geschieht vielleicht auch dies: ein Abenteuer, eine Liebelei. Es ist zwar alles streng kadriert, die Bekleidung makellos gebügelt, die Miene ernst - aber dahinter steckt stets ein Mensch mit seinen Sehnsüchten und Gefühlen. Manchmal, für einen kurzen Moment, bricht dieser sich Bahn, und dann wird es richtig atemberaubend. Auch wenn es nur ein Blick, ein kurzer Augenaufschlag ist.

Michael Schleeh

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